12.10.05

Das akademische Viertel oder ein Ausflug aufs Land

Zusammen kochen, rote Weinchen trinken und reden, reden, reden, die halbe Nacht, draussen, vor den Toren der Stadt, solange der dortige Balkon noch nicht winterlich abgerüstet ist, lautete der Plan für den heutigen Abend, der im Vorfeld, genauer: in etlichen Wochen, schon mehrmals verschoben ward. Der vermaledeite Husten, der Durchfall der Katze, meiner und überhaupt.
Gemüse besorgt, Fleisch eingepackt, ein paar Kräuter von meinem Balkon, alles auf den kränkelnden Laserdrucker hinauf, der im NVA-Rucksack auf seine wundersame Genesung durch den Schrauber vor Ort wartet, und los, viel zu spät, Telefooon, verdammtes, ist noch zu schaffen, um ein paar Minuten, looos.
In der S-Bahn, auf halber Strecke, fing mein Kreislauf an, die seit Tagen dröhnenden Kopfschmerzen zu unterstützen, und konnte gar nicht genug bekommen davon.
Das Kampfergebräu – im anderen Rucksack. Nicht fluchen. Nicht auf den drohenden Kollaps konzentrieren.
Es half alles nichts, ich stieg aus und trachtete, den Rest des Weges zu Fuß zu absolvieren. Ist ja gut, für den Kreislauf, rennen. Und fürs Geographenkind kein Problem. Schließlich war ich das letzte Mal vor etwa zwei Jahren da, weiss noch ganz genau, wie ich hinkomme, auch wenn ich abkürze. Ganz genau.
Mein Kreislauf, der Platzkopf und ich kämpften um die jeweiligen Vorstellungen der Marschroute. Ätschibätsch, bin ich jetzt versucht, die Misere zu kommentieren. Geographenkind, örtliches Gedächtnis, Himmelsrichtungen und Wege, ha!
Die Richtung jedenfalls stimmte.
Vielleicht eine Stunde, vielleicht zwei. Geschätzt. Gelaufen, gelaufen, gelaufen.
Das Mobiltelefon – meine Taschenuhr – im anderen Rucksack. Telefonkarten oder Kleingeld – im anderen Rucksack. Die genaue Anschrift – im Notizbuch im anderen Rucksack.
Und weiter und weiter und weiter. Konnte ja nicht mehr ewig dauern.
Dauerte es aber.
Die Zeit, der Drucker im Rucksack und ich: das perfekte Kriechteam.
Die Häuser sahen ab einem gewissen Punkt alle aus wie die in der Straße meines geschätzten Freundes, wie die in den Straßen drum herum.
Bald, bald, bestimmt.
Mählich dunkelte es und wurde noch dunkler.
Mein Kreislauf und der Rucksack mit dem Drucker auf dem Rücken verstanden sich mittlerweile prächtig.
Ein Geographenkind gibt nicht auf.
Völlig verzweifelt, hungrig und ausgesprochen durstig landete ich dann da, wo ich landen musste: am S-Bahnhof, an dem ich ausgestiegen war.
Zwanzig Uhr und was, sagte die Uhr, hämisch grinsend.
Um Sechs war ausgemacht, in der Wohnung mit dem herbstlichen Balkon auf dem „Land“.
Nein, Kreislauf, Du fängst jetzt nicht wieder an.
Schnauze, Rücken, gib Ruhe, Kopf.
Ab nachhause, ächzend, immerhin fahrplanmäßig.
Rucksack in die Ecke gepfeffert, hast Du nun davon, doofer Drucker, Kampfertropfen, Kopfschmerztablette, ein halber Liter Wasser und oh Mist, jetzt muss ich ihn anrufen, den Freund. Den, der mich beim Terminbestätigungstelefonat gestern Abend noch lobte, wie sehr ich doch herum gekommen sei in diesen etwas mehr als zwei Jahren in dieser großen Stadt, dass ich mich wohl besser auskennte als mancher Taxifahrer und andere Berliner, die sich nur öffentlich transportieren lassen.

Flugs diese Zeilen getippt, online geschaufelt, Link geschickt.
In zehn Minuten rufe ich an.
Etwa.

Das akademische Viertel könnte ich nutzen, um eine Kleinigkeit zu essen.
Und wenn er dann sagt, dass wir uns das nächste Mal wie üblich in der Stadt treffen, dann will ich kein Geographenkind mehr sein.

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Anonymous Anonym

mähhähähähä
bin ich versucht hämisch zu keckern

da kannze man sehn wies mir nahezu jeden tag geht.
so issas, als non-geographenkind. man muss sich anfreunden mit dem versagen, und so lernt man auch wieder wasser und telefone zu schätzen ;)

12 Oktober, 2005 21:58  
Blogger Mo

Pffft.
Er hat mich nicht Geographenkind genannt.
Noch nicht.
So.
Nämlich.

12 Oktober, 2005 22:14  
Anonymous Anonym

nichtberliner, die taxifahrer werden wollen, lernen die stadt ANDERS kennen als berliner, die..., sagte ich. erstere orientieren sich vorzugsweise am stadtplan und durch ihr bereits erlerntes, letztere rufen ihre pleisto-zähnisch-unbewussten trampelpfade ab, die nicht immer eine kürzeste verbindung zwischen a und b sein müssen. beide benutzen immerhin ihr hirn. du wolltest nie droschkenkutscher werden.

nein, keine vergrätzung, ist ja liepst geschrieben, dein rettungsversuch.

werde noch ein bischen münchhausen lesen vorm einschlafen.

nfc

olle xy

12 Oktober, 2005 22:30  
Anonymous Anonym

"Er hat mich nicht Geographenkind genannt.
Noch nicht."

doch, hat er!

:-]

12 Oktober, 2005 22:32  
Blogger Mo

Ihr seid alle beide zwei elendiglich fiese Möpps.
So.
Vor allem im Doppelpack.
Ganz viel so.
Für den neuerlichen Versuch kommende Woche miete ich mir dann einen Schweizer Huckepackträger.
Droschkenkutscher, pah.
Und nun lasst mich gefälligst gepflegt leiden.
Zifümferl.

13 Oktober, 2005 01:04  

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