Ansichtssache
Wir stehen auf der Straße und unterhalten uns.
Die rentenalte Polin von der Glasboutique und ich.
Wir reden über die Veränderungen im Kiez, dem Schwabing Berlins, über die unzähligen Schwangerschaftsbäuche des letzten Sommers und die Nachzüglerinnen des Herbstes.
Darüber, dass die meisten Frauen, die ihren Bauchnabel stolz nach aussen gestülpt vor sich her tragen und trugen, weit über vierzig Jahre alt sind.
Darüber, wie sehr man böse angeguckt wird, wenn man keine von ihnen ist.
Wenn man freundlich zu Kindern ist, mit ihnen lächelt, Witzchen macht, ihnen Grenzen aufzeigt, die sie in dieser Straße sonst nicht aufgezeigt bekommen.
Wir erzählen uns Begebenheiten:
Vom Nachbarsjungen, der auf der Treppe Freddy Mercury intoniert, heftig mit dem Hintern wackelnd. Der angedroht bekommt, würde er so weiter machen, in seinen Allerwertesten gezwickt zu werden. Der gezwickt wird, lacht, sich freut, dass ein Erwachsener sein Spielchen mitspielt, das nächste Lied anstimmt, lasziv die Treppe zur Bühne umwandelnd. Von den Bekannten, die davor warnen, eine solche Episode zum Besten zu geben, das sei schließlich schon fast Kindesmissbrauch.
Vom vorwurfsvollen Gluckenblick, meist gefolgt vom Kommentar, ob man denn nicht auf die Gesundheit der Kids Rücksicht nehmen könne, die um die Ecke flitzen, wenn man draussen vor der Kneipe zum Bier seine Kippen qualmt.
Von der Mutter, die ihr Zweijähriges mit seinem dämlichen Holzrad ohne Bremsen auf die große Straße zueiern lässt, in Gebabbel vertieft, die erst reagiert, nachdem man das Kind so gerade eben noch festhalten konnte, damit es nicht unter größere Räder kam, keift, dass man ihr Kind loszulassen habe, nicht betatschen, was das solle, sie riefe die Polizei, man kontert, sprachlos eigentlich, dass man sich zur Vergewaltigung lauschigere Plätzchen aussuchen würde, zusieht, die Flucht zu ergreifen vor diesen wild gewordenen Hormonhühnern.
Aber auch von der Kindheit auf dem Lande, in Polen, im Süden, von Familienstrukturen, Großeltern, Onkeln, Tanten, Freunden, die alle daran beteiligt waren, ein Kind in die Gemeinschaft hinein wachsen zu lassen, ihm Wärme, Erkenntnisse mit auf den Weg gaben, es alle zusammen formten.
Von schwarzer Pädagogik und Antipädagogik, von all diesen vielen überflüssigen Ratgebern für Eltern, die verhindern, dass die Alten die Jungen wahrnehmen, die unmöglich machen, dass diese Erziehungsberechtigten sich daran erinnern, wie es war, als sie selbst klein waren und das Leben neu.
Wir stehen auf der Straße, die Polin von der Glasboutique und ich.
Wir unterhalten uns nicht mehr.
Eine Frau steuert zielstrebig auf uns zu, eine Kinderwagensonderanfertigung für drei Mal Nachwuchs wie eine Straßenreinigungsmaschine vor sich her pressend.
"Machen Sie Platz!"
Die rentenalte Polin von der Glasboutique und ich.
Wir reden über die Veränderungen im Kiez, dem Schwabing Berlins, über die unzähligen Schwangerschaftsbäuche des letzten Sommers und die Nachzüglerinnen des Herbstes.
Darüber, dass die meisten Frauen, die ihren Bauchnabel stolz nach aussen gestülpt vor sich her tragen und trugen, weit über vierzig Jahre alt sind.
Darüber, wie sehr man böse angeguckt wird, wenn man keine von ihnen ist.
Wenn man freundlich zu Kindern ist, mit ihnen lächelt, Witzchen macht, ihnen Grenzen aufzeigt, die sie in dieser Straße sonst nicht aufgezeigt bekommen.
Wir erzählen uns Begebenheiten:
Vom Nachbarsjungen, der auf der Treppe Freddy Mercury intoniert, heftig mit dem Hintern wackelnd. Der angedroht bekommt, würde er so weiter machen, in seinen Allerwertesten gezwickt zu werden. Der gezwickt wird, lacht, sich freut, dass ein Erwachsener sein Spielchen mitspielt, das nächste Lied anstimmt, lasziv die Treppe zur Bühne umwandelnd. Von den Bekannten, die davor warnen, eine solche Episode zum Besten zu geben, das sei schließlich schon fast Kindesmissbrauch.
Vom vorwurfsvollen Gluckenblick, meist gefolgt vom Kommentar, ob man denn nicht auf die Gesundheit der Kids Rücksicht nehmen könne, die um die Ecke flitzen, wenn man draussen vor der Kneipe zum Bier seine Kippen qualmt.
Von der Mutter, die ihr Zweijähriges mit seinem dämlichen Holzrad ohne Bremsen auf die große Straße zueiern lässt, in Gebabbel vertieft, die erst reagiert, nachdem man das Kind so gerade eben noch festhalten konnte, damit es nicht unter größere Räder kam, keift, dass man ihr Kind loszulassen habe, nicht betatschen, was das solle, sie riefe die Polizei, man kontert, sprachlos eigentlich, dass man sich zur Vergewaltigung lauschigere Plätzchen aussuchen würde, zusieht, die Flucht zu ergreifen vor diesen wild gewordenen Hormonhühnern.
Aber auch von der Kindheit auf dem Lande, in Polen, im Süden, von Familienstrukturen, Großeltern, Onkeln, Tanten, Freunden, die alle daran beteiligt waren, ein Kind in die Gemeinschaft hinein wachsen zu lassen, ihm Wärme, Erkenntnisse mit auf den Weg gaben, es alle zusammen formten.
Von schwarzer Pädagogik und Antipädagogik, von all diesen vielen überflüssigen Ratgebern für Eltern, die verhindern, dass die Alten die Jungen wahrnehmen, die unmöglich machen, dass diese Erziehungsberechtigten sich daran erinnern, wie es war, als sie selbst klein waren und das Leben neu.
Wir stehen auf der Straße, die Polin von der Glasboutique und ich.
Wir unterhalten uns nicht mehr.
Eine Frau steuert zielstrebig auf uns zu, eine Kinderwagensonderanfertigung für drei Mal Nachwuchs wie eine Straßenreinigungsmaschine vor sich her pressend.
"Machen Sie Platz!"


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