19.5.09

Kopfarbeiter


Wann denkt man am besten?
Ein bekannter englischer Psychologe hat kürzlich diese Frage wissenschaftlich zu beantworten gesucht. Er kam zu folgendem Ergebnis: Ohne Zweifel denkt der Mensch am besten in der Zeit vor der Einnahme seines Morgenfrühstücks. Viele wissenschaftliche Autoritäten haben das schon behauptet, und die Erfahrung gibt ihnen hierin recht. Manche behaupten allerdings auch, sie seien am besten des Nachts imstande, Kopfarbeiten zu tun. Doch sind dies immerhin Ausnahmen. Sonst haben alle Nachforschungen ergeben, dass Morgenstunde wirklich Gold im Munde hat, und zwar die Morgenstunde vor dem Frühstück. Der Grund dafür ist leicht ersichtlich: Sobald die Nahrung in den Magen gelangt, zieht sich das Blut aus dem Gehirn mehr in die Magenregionen. Das Blut, das auf diese Weise der Verdauungstätigkeit zugute kommt, geht der Denkgehirntätigkeit verloren. Viele haben es sich deshalb zur Gewohnheit gemacht, des Morgens nichts als ein sehr leichtes Frühstück einzunehmen, d.h. eine Tasse Milchkaffee und ein wenig Brot, um dann angestrengt vier bis fünf Stunden zu arbeiten. Erst dann nehmen sie eine eigentliche Mahlzeit ein. Viele englische und amerikanische Geschäftsleute haben die Gewohnheit, gleich mit dem Diktieren ihrer Briefe zu beginnen, sobald sie ihr Kontor betreten haben. Andere Briefe, die im Lauf des Tages eintreffen, lassen sie unbeantwortet bis zum nächsten Morgen. Sie sind überzeugt, dass sie dann klarer denken, schärfer urteilen und für den rechten Gedanken leichter die rechte Form finden.


Aus: Bilz - Das neue Naturheilverfahren, Leipzig, um 1890

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