Kein-Lüftchen-Episödchen

Was tun, wenn ein Mensch nach Wochen hypergeschäftiger Werkelei plötzlich in ein kurzes Nichtstuloch fällt?
Die Katze signalisiert per Würstchen vor die Wohnungstür, dass sie raus will.
Der Mensch will das auch, schon länger.
Bis nachmittags gewartet, Korb geschnappt, Mamsell behalsbandet und beleint, hinein gestopft, Buch gekrallt und los.
Ab in die Hitze, in den Park.
Bereits nach wenigen Minuten merkten beide, dass es viel zu heiß war für derlei Aktivitäten; sie bedauerten heftig, auf ihre jeweilige Weise.
Die Flokatidame hüpfte wann immer sie konnte aus dem Tragegestell, schmiss sich wie (ehedem) die Mädchen in Paris kommandolos auf den Rücken und blieb liegen.
Der Mensch sammelte sie fluchend ein, beschwichtigte, Schatten, Biergarten und wenig andere Aufrechtgehende suchend, während er weiter tappste.
Viel zu warm, viel.
Endlich waren sie sich mal wieder einig.
Kurz darauf fanden sie ein Straßencafé mit Schattenplätzen und rasteten.
Der Mensch bestellte ein Radler, ja, mit durchsichtigem Zuckersprudel, bitte, und Zigaretten mit Streichhölzern; die Sorte Qualmware, die er seit Jahrzehnten raucht.
Das Plüschmonster spielte zwischenzeitlich Hund, lag artig zu Füßen und knurrte vorbei marschierende Tölsofarollen und Kinder an.
An diesbezügliche Blicke hatten sie sich längst gewöhnt.
Keine Gespräche mit Wildfremden, kein Gestreichel von Wildfremden, Ruhe, bitte.
Die Kellnerin, sehr jung, sehr hager, lang berockt, mit dunkelrot gefärbtem, hoch gestecktem Haar, übertrieben beflissen, kotzhöflich, brachte das Georderte.
"Hier, Ihre Romy-Schneider-Zigaretten."
Sie schaute gequält.
"Meine was? Ach so, ja."
"Wissen Sie, am Schluss hat sie sich nur noch von ihren Kippen und Merlot ernährt."
"Von meinen? Ach so, ja. Merlot, ja?"
"Merlot."
"Ich dachte, Weinbrand und Tabletten hätten sie gekillt, las ich zumindest, unter anderen bei Alice Schwarzer."
Köder geschluckt. Die Serveusenaugen leuchteten.
Ja, das habe sie auch gelesen, als Hörbuch.
Hörbücher seien eh' toll.
"Ich mag es nicht, vorgelesen zu bekommen" murmelte der ruhebedürftige Mensch.
Ein Buch sei wie ein Film, Kopfkino, mit selbst erdachten Bildern und Stimmen. Erzwungenes, wie bei Hörbüchern, am besten Martin Semmelrogge als "Tod-in-Venedig-Erzähler", stieße ihn ab.
Da habe der Mensch wohl Recht.
Aber tragisch, das, das mit der Romy, näch?
Der Mensch sah an sich herunter, auf seine wohl genährte Plauze, dachte an die unzweideutigen Falten hinter der augenärztlichen Sonnenbrille, dachte an das leicht aus der Form gegangene maritime Bild, das er augenscheinlich abgab in seiner königsblauen Farbenpracht, überlegte, was das kükige, künstlich depressivknautschige Rappelchen wohl denken mochte, über ihn und das Stilleben mit Angoraläufer.
Ob die Katze vielleicht was zu trinken wolle?
Nein, sicher nicht.
Aber Romy habe sich wirklich von Kippen und Merlot ernährt, zum Schluss.
"Ganz so schlimm ist es bei mir noch nicht." Dabei strich sich der Mensch über sein Kügelchen. "Immerhin esse ich gelegentlich gut und trinke ab und zu Radler."
Das Mädchen erinnerte sich seines Jobs und fragte gezwungen höflich, ob es gleich abkassieren solle.
"Ja, bitte, gern."
Das Trinkgeld war ihr zu viel; sie wolle Kleingeld auf dem Tisch vorfinden, wenn der Mensch längst gegangen sei, wie irgendwo am Montmartre, bitte.
Sie ging.
Endlich.
Später, bei zunehmender Dunkelheit und ebensolcher Stille, mit staubtrockenem Burgunder und Gauloises auf dem heimischen Balkon, mit dem Buch, das er im Straßencafé schon zu lesen trachtete, mit den Pflanzensilhouetten im Kerzenwiderschein, vergaß der Mensch die Zeit. Und Romy.
Die Katze schlief längst wohlig zu seinen Füßen.
Sie waren sich einig.
Immer noch.
Die Katze signalisiert per Würstchen vor die Wohnungstür, dass sie raus will.
Der Mensch will das auch, schon länger.
Bis nachmittags gewartet, Korb geschnappt, Mamsell behalsbandet und beleint, hinein gestopft, Buch gekrallt und los.
Ab in die Hitze, in den Park.
Bereits nach wenigen Minuten merkten beide, dass es viel zu heiß war für derlei Aktivitäten; sie bedauerten heftig, auf ihre jeweilige Weise.
Die Flokatidame hüpfte wann immer sie konnte aus dem Tragegestell, schmiss sich wie (ehedem) die Mädchen in Paris kommandolos auf den Rücken und blieb liegen.
Der Mensch sammelte sie fluchend ein, beschwichtigte, Schatten, Biergarten und wenig andere Aufrechtgehende suchend, während er weiter tappste.
Viel zu warm, viel.
Endlich waren sie sich mal wieder einig.
Kurz darauf fanden sie ein Straßencafé mit Schattenplätzen und rasteten.
Der Mensch bestellte ein Radler, ja, mit durchsichtigem Zuckersprudel, bitte, und Zigaretten mit Streichhölzern; die Sorte Qualmware, die er seit Jahrzehnten raucht.
Das Plüschmonster spielte zwischenzeitlich Hund, lag artig zu Füßen und knurrte vorbei marschierende Tölsofarollen und Kinder an.
An diesbezügliche Blicke hatten sie sich längst gewöhnt.
Keine Gespräche mit Wildfremden, kein Gestreichel von Wildfremden, Ruhe, bitte.
Die Kellnerin, sehr jung, sehr hager, lang berockt, mit dunkelrot gefärbtem, hoch gestecktem Haar, übertrieben beflissen, kotzhöflich, brachte das Georderte.
"Hier, Ihre Romy-Schneider-Zigaretten."
Sie schaute gequält.
"Meine was? Ach so, ja."
"Wissen Sie, am Schluss hat sie sich nur noch von ihren Kippen und Merlot ernährt."
"Von meinen? Ach so, ja. Merlot, ja?"
"Merlot."
"Ich dachte, Weinbrand und Tabletten hätten sie gekillt, las ich zumindest, unter anderen bei Alice Schwarzer."
Köder geschluckt. Die Serveusenaugen leuchteten.
Ja, das habe sie auch gelesen, als Hörbuch.
Hörbücher seien eh' toll.
"Ich mag es nicht, vorgelesen zu bekommen" murmelte der ruhebedürftige Mensch.
Ein Buch sei wie ein Film, Kopfkino, mit selbst erdachten Bildern und Stimmen. Erzwungenes, wie bei Hörbüchern, am besten Martin Semmelrogge als "Tod-in-Venedig-Erzähler", stieße ihn ab.
Da habe der Mensch wohl Recht.
Aber tragisch, das, das mit der Romy, näch?
Der Mensch sah an sich herunter, auf seine wohl genährte Plauze, dachte an die unzweideutigen Falten hinter der augenärztlichen Sonnenbrille, dachte an das leicht aus der Form gegangene maritime Bild, das er augenscheinlich abgab in seiner königsblauen Farbenpracht, überlegte, was das kükige, künstlich depressivknautschige Rappelchen wohl denken mochte, über ihn und das Stilleben mit Angoraläufer.
Ob die Katze vielleicht was zu trinken wolle?
Nein, sicher nicht.
Aber Romy habe sich wirklich von Kippen und Merlot ernährt, zum Schluss.
"Ganz so schlimm ist es bei mir noch nicht." Dabei strich sich der Mensch über sein Kügelchen. "Immerhin esse ich gelegentlich gut und trinke ab und zu Radler."
Das Mädchen erinnerte sich seines Jobs und fragte gezwungen höflich, ob es gleich abkassieren solle.
"Ja, bitte, gern."
Das Trinkgeld war ihr zu viel; sie wolle Kleingeld auf dem Tisch vorfinden, wenn der Mensch längst gegangen sei, wie irgendwo am Montmartre, bitte.
Sie ging.
Endlich.
Später, bei zunehmender Dunkelheit und ebensolcher Stille, mit staubtrockenem Burgunder und Gauloises auf dem heimischen Balkon, mit dem Buch, das er im Straßencafé schon zu lesen trachtete, mit den Pflanzensilhouetten im Kerzenwiderschein, vergaß der Mensch die Zeit. Und Romy.
Die Katze schlief längst wohlig zu seinen Füßen.
Sie waren sich einig.
Immer noch.


7x interaktiviert
Pastor-Bild?
:-)
Oui.
Nicole.
Bisher liebte ich die bretonische Brise im Berliner Sommer.
Wo ist sie nur hin?
Die vielleicht vornehmste Anpassungserscheinung an fortwährende Hitze ist die Siesta, deren Nutzen für die Produktivität auch hierzulande beständig gepredigt wird – ohne dass Konsequenzen gezogen würden. Das muss sich ändern. Der Ku’damm zwischen zwölf und 15.30 Uhr ausgestorben, Verkäuferinnen wie Kundinnen im Schatten von Kokospalmen dösend, das ist hitzebeständiges Verhalten.
->
Enorm großartig. Ich ziehe meinen imaginären Hut!
Oups.
Ham Se sich valoofen, junger Mann?-)
Merci.
Großartig jedoch ist sowas:
Eines der grossen Probleme der Menschheit bleibt nach wie vor die massive Ungeficktheit und deren Folgen Gewalt und Zynismus. Zynismusverurteilung ist eine leichte Trockenübung, Zynismusvermeidung im Fluss des Alltags eine schwierige Sache.
(Monsieur Lobo)
paH!
tod in venedig wird nich von semmelrogge gelesen. zumindest nicht das hier.
übrigens hab ich über drei ecken gehört (von einem der irgendwie mit der irren ossikuh die quasi alle rechte an romy irgendwie gekauft hat) das es wiiiiirklich tabletten waren, psychopharamaka halt, beruhigungschass - und das mit dem merlot...naja....wers glaubt.
wirft sich julchen echt open rücken?
FABÜLÖS!
film sie dabei und verdien bei menschen die auf sowas stehen viel geld mit!
übrigens, wo ischt die zauberhafte illustration von ihnen her?
ist das frau hollsche schule aus den mittleren niederlanden?
das mit dem zynismus muss man entschieden verneinen.
leider ist es eine sache von eliten, ich selbst musste erst siebtklässler werden, ehe mir meine freundlich hutzelige deutschlehrerin vor der ganzen klasse wutentbrannt engegenschleuderte das aus mir im leben nicht etwa nichts werden würde wegen meiner noten, sondern weil ich so elend zynisch sei.
sowas möge nämlich niemand.
und griechenland sei auch längst vorbei.
so!
sie hat das dann zurückgenommen, und sich sogar entschuldigt, sie meinte sie hätte damals einfach den stil nicht ertragen (von stiefn kind geprägt schrieb ich gern über tote menschen, die nicht tot sind) - und fand dann zum schluss das aus mir mal mit sicherheit ganz schön was würde, aber so richtig - mir war schon damals klar:
erwachsene irren sich ständig.
und statt einem zyniker bin ich heute ein menschenfein mit humanistischem antlitz.
das ist sowas wie die DDR - nur ohne bautzen - oder ein röm. reich ohne deutsche nation.
:)
das mit dem zünismus kann ich sogar untermauern:
es gehört dazu sich selbst und andere menschen zu erkennen, statt einfach so durch die gegend zu dalfern - die dies tun beneiden die anderen um ihren stumpfsinn - das zu kompensieren werden sie zünisch. so. ei+henne geklärt.
Die Aschenbachgeschichte wurde von Quadflieg gelesen, richtig.
Semmelrogge diente lediglich zur Verdeutlichung der geschilderten Abneigung des Menschen.
Olle Geschichtenzerpflückerin Du!-)
Nicole Pastor lebt und arbeitet - wie übrigens auch Carmelo de la Pinta, von dem ein paar Stiche bei mir hängen - in Pont Aven / Bretagne.
Wunderbare Wind-Blau-Frauen-Bilder aus einem zauberhaften Städtchen.
(Ich hab' noch ein paar aus der Serie.)
Um seinen jeweiligen Stumpfsinn habe ich wohl noch nie wen beneidet.
Zum gelegentlichen Zynismus stehe ich.
Manches kompensiert sich nicht anders in der großen, bunten Lebensschachtel.
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