Ten years after

In den stillen Abendstunden,
Wenn die Trommelstöcke ruhn,
Wenn auch unsre großen Meister
Etwas ganz Privates tun,
In den stillen Abendstunden
Hält mich unter Dach und Fach
Manchmal so ein ferner Stern
So 'ne kleine Sehnsucht wach.
Auf den Tag genau zehn Jahre nach dem Krebstod der "wilden Mathilde" fand auf der Freilichtbühne Weißensee ein Tamara-Gedächtniskonzert statt, das musikalisch leider nur ansatzweise eins war.
Zur Unterstützung der verbliebenen drei Silly-Musiker waren neben Toni Krahl von City, IC Falkenberg, Scholle Zöllner und der unglaublichen Angelika Weiz auch Joachim Witt, Katy Karrenbauer, Wolfgang Niedecken, Anna Loos und Ulla Meinecke mit Eigenbegleitung angereist.
Erstaunt war ich darüber, wie viele Menschen den Weg um den sommerlich überlaufenen Weißensee gefunden hatten, trotz CSD, trotz großen Pressestillschweigens.
Die meisten Menschen trugen Gesichter und Körper weit über Vierzig in gelassener Selbstverständlichkeit zur Schau, geduldig um teure Karten anstehend, wie weiland vor den leeren Kaufhallen des Ostens dieser großen Stadt. Viele davon umsonst, nichts anderes erwartend, den schlechten Service, die mangelhafte Organisation mit Kalauern von vor der Wende würzend.
Einige davon suchten sich schattige Plätzchen außerhalb des Geländes, in Bühnennähe, mit hervorragendem Blick durch Blätter und Zaunstreben. Sie unterhielten sich, erzählten Geschichten von damals, von Tamara, von deren Bürgerrechtsbestrebungen bereits in den späten Siebzigern, dem daraus enstandenen und veröffentlichten Lied über die Straßenkinder Berlins, während eine heute hutzelige, weißhaarige Schriftstellerin ihr Buch zum Thema nicht drucken lassen durfte. "Ich will die Frau sehen, die für Tamara singt. , murmelte sie immer wieder. Und meinte Katy. Dass ich sie hoch heben würde, wenn es so weit sei, versicherte ich ihr. Sie saß auf ihrem mitgebrachten Schemelchen und sinnierte und erzählte, machte alte Zeiten lebendig, mit leuchtenden, traurigen Augen. Andere Menschen, vor allem Frauen, erzählten andere Geschichten, ergänzten, vervollständigten mein lückenhaftes Bild. Wir im Westen haben Etliches nicht mitbekommen, damals. Sie ignorierten den Hinweis, nahmen nicht wahr, was sie an diesem Abend nicht wahrnehmen wollten. Tamara Danz hatte nicht für den Westen gesungen, im Westen kannte sie kaum wer. Und wenn, dann über verworrene Wege, zufällig, nachdrücklich, prägend. Dann sang Katy. Sie versuchte es. Die alte Frau hatte Tränen in den Augen, klappte beim zweiten Stück ihr Stühlchen zusammen, wollte Katy nicht sehen, weinte Sturzbäche und ging. Sie müsse, sie hielte das nicht aus, schluchzte sie. Joachim Witt vertat sich in den Vierteltönen, BAPs Niedecken kalauerte peinlich und rund um sich selbst. "Danke, Berlin!" Immer wieder: Danke, Berlin. Unmut machte sich breit. Wieso danke, Berlin? Wieso nicht danke, Tamara? Um wen geht es bei diesem Konzert? Um die Eitelkeiten von Ulla, die sie unstürmisch untänzerisch feilbot? Die Zuhörer meckerten, heulten bei Toni Krahl, bei Angelika Weiz, Tamaras bester Freundin, deren beste Freundin wiederum mir das ein oder andere Anekdötchen als Zwischenstückchen zur Musik reichte, wischten sich bei Zöllner Tränchen weg und ich mir bei "Mont Klamott". Anna Loos begeisterte zwar stimmlich, aber nicht charismatisch. Die Lebenserfahrung, die fehlende. Die Fans wollen die Weiz bei Silly sehen. Altes Gehicke, alte Animositäten, das würde nix, leider. Geschichten von damals, vom Besitz an Tamaras Tod, die bis ins Heute reichen, am Tor zum Westen rasten.
"Die alten Männer tanzen nicht mehr, doch in den Seelen schweben sie sehr."
Nach dreieinhalb Stunden war alles vorbei, gingen die Lichter aus, die Menschen von der Erinnerung ergriffen nach Haus'.
"Bye bye.. ich komme wieder wenn die Wiesen blühn."
Im Strandbad bestellte ich mir ein Sackenlassbier und sah über den See, die gehörten Geschichten sortierend, die Liedemotionen verdauend, den Mücken zum Abendfraß vorgeworfen, während im Kerzenschein eine Horde kahlköpfiger, kriegerisch tätowierter Faschos friedlich zur Klampfe sang: "Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein."
Später, in der kühlen Tram, spärlich gekleidete Jugendliche in CSD-Outfit, mit Verzerrblaster, sich entschuldigend, sie seien halt noch jung. Dass sie es bleiben mögen, in Jahren, wenn sie älter seien, innerlich, wünschte ich ihnen, bevor ich ausstieg.
Sie lächelten.
Und über der Straße leuchteten die Sterne.
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2x interaktiviert
[..]Dass ich sie hoch heben würde, wenn es so weit sei, versicherte ich ihr.
-schön, auch sonst... -
aber kannze sagen wasse wills, und sicher is das auch ne altersfrage, menschenfrage - oder was auch immer - aber was bei mir ganz tief sitzt war das ich so zwischen 5, 6 zwar supergern aufm bett stehend (aufm bett stehen, das ging immer wenn man grad wieder von irgendeiner fiesen kinderkrankheit genesen war) und 'asyl' mitträllerte und mir dachte: egal was passiert - diese frisur von der sängerin ist schlimm
und heute, so von allen seiten betrachtet - frisurenbedenken beiseite - ist das alles irgendwie nur halbgar, irgendwie zu lasch alles - ja ich weiss schon, die ganzen stories, mit den codes, in den texten, und krassere sachen damit die anderen durch die zensur kommen - und lala - aber irgendwie - da kommt nix an, oder...nicht viel.
aber ich merk ja nie was ;) just kinda silly eben. aber im grunde war ich ja auch schon böse imperialistisch unterwandert.
und bestimmt spielt auch die verhasste fette musiklehrerin ne rolle, die ne ähnliche vergangenheit hatte wie die merkel (westgeboren, ostflucht, matheprofvater - pseudorebellenkind, riesensillyfan - peinigte uns mit ihrem geflenne beim plattenspielen vom asyl - deutsche kinder können mit heulenden lehrern nicht umgehen, das fühlt sich unrichtig an, und verbannt einen zudem in ewige handlungslosigkeit - schliesslich war sie gleichzeitig die autoritärste person die mir je unterkam. ich hatte fast mal ihren 2kg schlüsselbund in der fresse)
einen grossen teilen jeglicher wirkung schiebe ich auf eingängliche melodien.
Gut, dass niemand den Karrenbauervergleich angelästert hat. ;-)
Bin auch extra mit Rock und Knoten auffem Kopp zum Konzert geschwitzt.
Das Phänomen Tamara ist mittlerweile wohl eher ein sich verselbständigt habender Mythos und schwer erklärlich.
Ich mochte und mag die verklausulierten Textbilder, wie auch die einiger russischer Kollegen - Rikha, Wyssotzki z.B. -, mit einem Großteil der Melodien tat ich mich anfangs jedoch schwer.
Silly sind rockiger geworden.
Krahl und Zöllner haben sich stimmlich enorm weiter entwickelt. Geli Weiz - Gänsehaut pur.
Nicht nur die wilde Mathilde wuselt mir seit Samstag in den Schwurbelschleifen herum.
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