Keine Chance
An einem kalten Dezembertag vor etlichen Jahren schepperten Piepser und Mobiltelefon fast gleichzeitig. Ob ich auf die andere Seite des Sees kommen könne, dringend, es gäbe Probleme mit einem Schwerkranken, und der sei doch mein Patient, oder, fragte der Polizist. Der Mann habe gedroht, jeden umzubringen, der seine Wohnung beträte.
Vor der Wohnungstür fanden sich aufgebrachte Nachbarn, Betroffenheit vorschützende Damen der örtlichen Nachbarschaftshilfe und ein paar hilflose Ordnungshüter. Warum sie nicht die Tür aufbrächen, es sei doch ein Notfall, wollte ich wissen.
Weil er gedroht hat, der Mann. Sie zuckten mit den Achseln.
Die Luft roch nach Angst.
Wenn er nicht augenblicklich die Tür öffnete, träte ich sie ein, rief ich durch das Toilettenfenster. Das traute auch ich mich nicht, soviel Kraft, ihn wirkungsvoll daran zu hindern, sich seine Medikamente nicht verpassen zu lassen, hätte ich nicht. Das würden wir dann schon sehen, lautete meine Antwort.
Da könne ich nicht rein, auf keinen Fall, viel zu gefährlich, zeterten die Polizisten.
Drinnen lag der Mann auf dem Boden der ungeheizten, spärlichst möblierten Wohnung, halb nackt, zitternd, in seinem Kot, wütend über seine Schwäche, die Umstände.
Er brauche nichts, nicht von mir und auch sonst von niemandem, er spritze sich seine Vitamine selber, zeigte auf die Tüte Hohes C neben sich und seinen Port, heulte, tobte. Wir wollten ihn doch sowieso schnellstmöglich um die Ecke bringen, das wisse er. Wie seinen Bruder, dessen Frau, seine Frau und seinen Sohn. Was wir denn getan hätten, um diese Tragödie zu verhindern, nichts, nichts.
Sie waren alle in der großen Stadt gestorben, ein halbes Jahr bevor er mein Patient wurde.
Ich zog die Spritzen auf und ging zu ihm.
Ruhig.
Er zog sich die Portnadel heraus und rammte sie mir in die Hand.
Ich zog sie ebenfalls heraus, setzte ihm eine neue Nadel und spritzte.
Kurz darauf hatte er sich gefangen.
Die unterdessen eingetroffenen Sanitäter packten ihn ein und nahmen ihn mit, ins kleine Krankenhaus auf meiner Seite des Sees. Er könne nicht mehr alleine bleiben, sei eine Gefährdung für sich und sein Umfeld, den Eilentscheid des Vormundschaftsgerichtes zeigten sie mir.
Ein paar Stunden später rief die Stationsärztin an, es gäbe Probleme, ob ich kommen könne, dringend.
Im Schwesternzimmer roch es nach Angst.
Sie könnten den Mann nicht versorgen, sie hätten alle Familie, auch die Ärzte.
Ob sie ihn verrecken lassen wollten, einfach so?
Nein, deswegen hätten sie ja angerufen.
Und so versorgte ich den Mann noch vier Tage in der gänzlich mit Plastikfolie ausgekleideten Kammer am hintersten Ende der Station, beantragte den Teddy seines Sohnes, das Sterbenachthemd seiner Frau, seinen eigenen Schlafanzug und was er sich sonst noch an kleinen letzten Dingen wünschte, setzte sie gegen größtmöglichen Widerstand durch.
Er starb friedlich.
Er wurde desinfiziert und entsorgt.
Er war der erste Patient der unlängst gegründeten AIDS-Hilfe im Landkreis.
Wir waren monatelang überall herumgefahren, hatten über die Faktenlage informiert, über Therapiemöglichkeiten, hatten versucht, Ängste abzubauen, wieder und immer wieder. Bei Ärzten, Krankenschwestern, Nachbarschaftshilfen, Angehörigen - in dem kleinen Krankenhaus am See eine Woche vor dieser Begebenheit.
Es kamen weitere HIV-Patienten nach, kleine Routinen stellten sich ein.
Irgendwann gaben wir auf, die so Erkrankten starben nicht mehr zuhause, sondern ausschließlich in den Hospizen der großen Stadt.
Angst und Desinformation hatten gesiegt, das große Wegschauen, das noch größere Lügen.
Auf dem Land fixt man nicht, auf dem Land geht man nicht auf den Strich, auf dem Land geht man nicht in den Puff oder fremd, auf dem Land wird man nicht schwul.
Viel hat sich seither nicht verändert.
Um die Ecke wohnt ein Mann, der seine Krankheit nicht beim Namen nennt, weil er fürchtet, seine Brötchen nicht mehr beim Bäcker nebenan kaufen zu können, für einen Haarschnitt den Stadtteil wechseln zu müssen, weil er fürchtet, nicht mehr gegrüßt zu werden, nicht mehr umarmt, einfach eben mal so, weil er fürchtet, irgendwer könne ihm in die Augen sehen und darin seine Angst entdecken, bei der Floskelfrage, wie es ihm geht, mitten in der ganz großen Stadt.
Infiziert habe ich mich damals übrigens nicht.
Vor der Wohnungstür fanden sich aufgebrachte Nachbarn, Betroffenheit vorschützende Damen der örtlichen Nachbarschaftshilfe und ein paar hilflose Ordnungshüter. Warum sie nicht die Tür aufbrächen, es sei doch ein Notfall, wollte ich wissen.
Weil er gedroht hat, der Mann. Sie zuckten mit den Achseln.
Die Luft roch nach Angst.
Wenn er nicht augenblicklich die Tür öffnete, träte ich sie ein, rief ich durch das Toilettenfenster. Das traute auch ich mich nicht, soviel Kraft, ihn wirkungsvoll daran zu hindern, sich seine Medikamente nicht verpassen zu lassen, hätte ich nicht. Das würden wir dann schon sehen, lautete meine Antwort.
Da könne ich nicht rein, auf keinen Fall, viel zu gefährlich, zeterten die Polizisten.
Drinnen lag der Mann auf dem Boden der ungeheizten, spärlichst möblierten Wohnung, halb nackt, zitternd, in seinem Kot, wütend über seine Schwäche, die Umstände.
Er brauche nichts, nicht von mir und auch sonst von niemandem, er spritze sich seine Vitamine selber, zeigte auf die Tüte Hohes C neben sich und seinen Port, heulte, tobte. Wir wollten ihn doch sowieso schnellstmöglich um die Ecke bringen, das wisse er. Wie seinen Bruder, dessen Frau, seine Frau und seinen Sohn. Was wir denn getan hätten, um diese Tragödie zu verhindern, nichts, nichts.
Sie waren alle in der großen Stadt gestorben, ein halbes Jahr bevor er mein Patient wurde.
Ich zog die Spritzen auf und ging zu ihm.
Ruhig.
Er zog sich die Portnadel heraus und rammte sie mir in die Hand.
Ich zog sie ebenfalls heraus, setzte ihm eine neue Nadel und spritzte.
Kurz darauf hatte er sich gefangen.
Die unterdessen eingetroffenen Sanitäter packten ihn ein und nahmen ihn mit, ins kleine Krankenhaus auf meiner Seite des Sees. Er könne nicht mehr alleine bleiben, sei eine Gefährdung für sich und sein Umfeld, den Eilentscheid des Vormundschaftsgerichtes zeigten sie mir.
Ein paar Stunden später rief die Stationsärztin an, es gäbe Probleme, ob ich kommen könne, dringend.
Im Schwesternzimmer roch es nach Angst.
Sie könnten den Mann nicht versorgen, sie hätten alle Familie, auch die Ärzte.
Ob sie ihn verrecken lassen wollten, einfach so?
Nein, deswegen hätten sie ja angerufen.
Und so versorgte ich den Mann noch vier Tage in der gänzlich mit Plastikfolie ausgekleideten Kammer am hintersten Ende der Station, beantragte den Teddy seines Sohnes, das Sterbenachthemd seiner Frau, seinen eigenen Schlafanzug und was er sich sonst noch an kleinen letzten Dingen wünschte, setzte sie gegen größtmöglichen Widerstand durch.
Er starb friedlich.
Er wurde desinfiziert und entsorgt.
Er war der erste Patient der unlängst gegründeten AIDS-Hilfe im Landkreis.
Wir waren monatelang überall herumgefahren, hatten über die Faktenlage informiert, über Therapiemöglichkeiten, hatten versucht, Ängste abzubauen, wieder und immer wieder. Bei Ärzten, Krankenschwestern, Nachbarschaftshilfen, Angehörigen - in dem kleinen Krankenhaus am See eine Woche vor dieser Begebenheit.
Es kamen weitere HIV-Patienten nach, kleine Routinen stellten sich ein.
Irgendwann gaben wir auf, die so Erkrankten starben nicht mehr zuhause, sondern ausschließlich in den Hospizen der großen Stadt.
Angst und Desinformation hatten gesiegt, das große Wegschauen, das noch größere Lügen.
Auf dem Land fixt man nicht, auf dem Land geht man nicht auf den Strich, auf dem Land geht man nicht in den Puff oder fremd, auf dem Land wird man nicht schwul.
Viel hat sich seither nicht verändert.
Um die Ecke wohnt ein Mann, der seine Krankheit nicht beim Namen nennt, weil er fürchtet, seine Brötchen nicht mehr beim Bäcker nebenan kaufen zu können, für einen Haarschnitt den Stadtteil wechseln zu müssen, weil er fürchtet, nicht mehr gegrüßt zu werden, nicht mehr umarmt, einfach eben mal so, weil er fürchtet, irgendwer könne ihm in die Augen sehen und darin seine Angst entdecken, bei der Floskelfrage, wie es ihm geht, mitten in der ganz großen Stadt.
Infiziert habe ich mich damals übrigens nicht.


14x interaktiviert
Wundersamer Weise haben die meisten Menschen hier zu Lande mehr Angst davor, sich mit Vogelgrippe oder BSE anzustecken, oder sich durch Gammelfleisch einen Durchfall zu holen, als davor, sich mit HIV zu infizieren.
Stimmt mich bedenklich.
Und zu den Vorurteilen gegenüber AIDS - Patienten sage ich jetzt besser nichts.
Kann man so pauschal nicht sagen, Shila.
Spätestens nach dem dritten Schnaps haben sich 75% der Menschen ihre Ängste schön geredet, werden mutig. Anderntags entscheiden sie dann, keine Meisenknödel aufzuhängen, nur noch im Naturkostladen einzukaufen und die ausgelutschte Nachbarin, die für drei Schnäpse und ein warmes Bett die Beine breit macht, nicht mehr anzufassen. Bis zu den nächsten drei Schnäpsen. Die desinfizieren bekanntlich.
Jooo ....
aber es geht mir nicht um "ausgelutschte" Nachbarinnen -
sondern viel mehr darum, wie leichtsinnig sich viele, insbesondere junge, Menschen verhalten.
"Was ? Kondom? Das macht doch keinen Spaß und die Mädels nehmen doch eh alle die Pille ..."
joha - kopflos ins Chaos...
Kam doch die Tage durch die News: Verurteilung dieses Typen der trotz Kenntnis seiner HIV Infektion Touristinnen gepimpert und infiziert hat. Alle Welt schreit: Aaarschloch!
Ich kann mich eigentlich mehr über die Touri-Miezen amüsieren, die für ihre eigene GeilBlödheit Sühne durch Justitia erfahren wollen...naja, wenns hilft :o/
@Wölfin: das Beispiel passt deswegen so schön zu deinem Post, weils hier mal die Mädels sind/waren die aufs Kondom gepfiffen haben - möcht nicht wissen, wie viele Jamaika-TouristInnen ihrem Schatz zu Hause was leckeres mitbringen :o(
nich immer auf die Kerle einhaun büdde :op
:-)
Tu ich doch gar nichtt. Die Mädels, die sich ohne Kondom p...... lassen, sind genauso blöd wie die Kerle die darauf bestehen.
Wenn die nicht Frau genug sind, so jemanden aus Bett und Wohnung zu schmeißen ...
Wenn "die"..
Trotz aller Aufgeklärtheit und Nähe zu AIDS ist es mir auch schon verrutscht, das nicht vorhandene Gummi.
Familienkrankheit titelte ich.
Absolument.
Ich gehe davon aus, dass man in einer funktionierenden Partnerschaft übereinander, voneinander und nebeneinander Bescheid weiß und über diese Dinge rechtzeitg redet. Wo sollten sonst die Babys herkommen?
Ich habe im Übrigen seit mindestens 35 Jahren kein so`n Gummi mehr benutzt und das hat überhaupt nichts mit Leichtsinn zu tun.
Ich dachte an einnächtliche Dummheiten.
skandalös!
;o)
Schnauzä!-D
Ich war auch mal jung und brauchte den Schnaps.
Oder so.
ich habe als rechtschaffener hypochonder eine rechtschaffene aidsangst. seit mercury - und "das woran der gestorben ist verstehst du noch nicht"
jawohl.
kondome hab ich immer da - nur interessiert das keinen. (*beschwer-nörgel*)
und die lieblingschwänze waren alle unbekleidet.
macht nix, ich bin auch in allen andern belangen schlechtes beispiel. aber: ehe ich mit jemand ohne kondom penne frag ich immer nachm test. binja leichtgläubig ;P
soviel zur haltung der juchend. aber da bin ich ja hoffentlich nich repräsentabel. wörr ja noch schöner.
Mo hat mir glaubich auch mal kondome geschenkt. die hab ich aber nie wieder gefunden. manchmal finde ich jedoch im zimmer ein kondom, neulich zB in einer meiner wenigen zimmerpflanzen (verpackt) und wundere mich, das das verfallsdatum noch nicht überschritten ist.
man denkt dann: ach, so schlimm isset dann doch nicht.
ps: brauche redribbonspende - habe keins mehr abbekommen seit ich 18,5 war - war ganzjahresträger - die schwänze in Ztown gaben ribbons nur gegen kohle - und es sollte mehr als 5ct sein (spinn wohl!) damals waren 5ct mein monatsgehalt. genaugenommen.
aber äpfel - äpfel hammse verteilt. jaha, aidshilfe Z. - mal schöööön schämen, ne!
liebstes awareness-wort:
dental dams
liebstes wortbestätigungswort:
gawuzn
1. Selbst ist das Mäuselchen, rotbandtechnisch.
2. Den Strickpariser schenke ich dann wohl besser Dir - hält Kakteen warm.
3. Appsssännnkt desinfiziert beileibe nicht alles.
4. Mach' doch watte eh' machst.
5. "Pubjeh" ist auch schön.
wat sollch mirn ribbon striggn - pö! wörrja noch schöner.
stilecht wärsja nem ähdzdohden den im sarg abzunehmen - aber wieviele ähdzdohe tragen welchen? wird sowas vielleicht inner zeitig bekanntgemacht?
gestern starb der aidskranke frank s. - er trug ein rotes schleifchen als er entschlief und wird mit jenem auch aufgebahrt und begraben, weil pietät und so...
das is dann doppelt aware, vor bollezeij n bestattigsgesetz.
btw fühle ich mich schon frühmorgens wie schwer angetrunken, was mich glauben lässt das man das alles auch vielbilliger und ohne alkohol haben kann- einfach weniger als 4h schlafen und vorher noch zwei spiegelei. brummbrumm.
"heut is freitach, odrrr?"
"freitach anner oder, oder ann mein?"
"mein natürlich, macht doch niemand inn osten"
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