So ein Seich
Auf dem Weg in die Schweiz meckerte ein langhaariger Friedrichshainer - Marke Snowboarder oder Surfer in den Dreissigern - am Tresen des Bordbistros über den Dreck Berlins, über die schiere Unmöglichkeit, heutzutage U-Bahn zu fahren, ohne belästigt zu werden. "Entschuldigen Sie, ich bitte einen Moment um Ihre Aufmerksamkeit", hub ich an und zerschoss mein Weißbierglas in tausend Stücke.
Er zog die Stirn kraus und lamentierte weiter, lobhudelte im Anschluss ohne Punkt und Komma, wie sauber es in der Schweiz hingegen doch sei, wie freundlich die Menschen. Der sächsische Gastarbeiter neben mir pflichtete ihm bei. Einzig Schweineschmalz und Spreewaldgurken gäbe es nicht, brächte er sich immer mit von seinen Heimatbesuchen. Und ja, das Arbeiterwohnheim, in dem er sich mit vier anderen ein Zimmer teile, sei zwar karg, aber sauber. Und statt sechs Euro pro Stunde verdiene er zwanzig Franken und die Zugfahrt im Sechserpritschenwagen zahle sein Chef auch, einmal im Monat. Das sei doch toll.
Ja, prima, die Schweiz. Keine Bettler, keine Penner, keine Arbeitslosen, keine Nazis, wie kurz zuvor noch am Ostbahnhof, als zwei muskelbepackte Glatzköpfe laut Naziparolen skandierend an den Gleisen entlang liefen und kein Mensch Notiz nahm, geschweige denn muckte.
Beinahe fiel mir das zweite Weißbierglas aus der Hand.
Ein schweizer Jungfilmer schwenkte seine Kamera im Auftrag der Beförderungsfirma über all die netten, zufrieden trinkenden, schweizseligen Menschen an der Bar.
Derweil baggerten zwei Köche aus der Nordschweiz , der eine klein, drahtig rund, der andere schwammig fett, stiernackig, ein unbedarftes blondes Mädchen an, luden es zu einem Wasser ein, während sie von ihrer Anstellung in Saarbrücken erzählte, nach abgebrochenem BWL-Studium wolle sie jetzt Sterne-Köchin werden, in Davos. Die beiden Männer trumpften nach allen Regeln der Kunst auf, während nebenan teure Mahlzeiten aus Plastiktüten auf mikrowellentaugliches Geschirr getropft wurden.
Die Kerls hässlich und beredt, die junge Frau hübsch und irgendwann still gequasselt. Als sie gegangen war, sahen sich die Männer an und grinsten. "Wie gut, dass die nicht gemerkt hat, dass wir bei Mövenpick arbeiten", sagte der eine. Der andere setzte nach: "Und dass ich ein Hells Angel bin."
Das Friedrichshainer Langhaar, alles und jeden beobachtend, hatte auch diese Szene mitgeschnitten. Er zuckte mit den Achseln. Ausnahmen gäbe es immer, überall könne die Regierung in Bern nicht ihr ordnendes Händchen drüber halten, da, wo er sich aufhielte, Energien tanke für die schmutzige Berliner Alltagswelt, gäbe es solche und schlimmere Menschen nicht, sei alles, wirklich alles sauber, geordnet, geregelt.
Der Jungfilmer und ich, mittlerweile beim Rotwein angelangt, hielten dem schweizfanatischen Edelmenschentümler entgegen, dass es in der Schweiz genug Quartiere gäbe, in Basel genauso wie in Zürich, Bern oder Genf, in denen es zugeht wie am Boxhagener Platz, Viertel, in denen die Polizei ihre Mühe hat durchzugreifen, wie am Boxhagener Platz und anderswo in Berlin, der U-Bahn zum Beispiel. Das stünde in keinerlei Relation, zischte der Friedrichshainer, das seien Ausnahmen in der Schweiz, Hausbesetzer und Junkies habe Bern doch schon seit Jahrzehnten im Griff, alles andere Gesockse auch, Arbeitslose gäbe es nicht, das sei doch alles Murks, was wir ihm erzählten. Verärgert zog er ab.
Dann gesellte sich ein Teil der Bordbesatzung zu uns. Wir redeten noch lange. Über die zunehmenden Missstände in der Schweiz, über die Ecken, in die der Schweiztourist nicht guckt, die in keinem Alpenpanorama-Tourismuswerbefilmchen zu sehen sind. Und auch nicht in der Deko-Abteilung von Globus, in welcher der wohl vor allem von sich selbst gefrustete Mittdreissiger auf seinem Snowboard höchstwahrscheinlich residiert.
Die Kamera schwenkte zum Schluss über die Abfallberge des langen Barabends, die müden Augen der unterbezahlten Crew mit dem oft aufgesetzten Lächeln.
Fünf Stunden später hieß es aus den Lautsprechern: "Wir erreichen nun unseren Zielbahnhof, Zürich. Wir hoffen, Sie hatten eine angenehme Reise und beehren uns bald wieder."
Kaum gingen die Türen auf, spurtete der Friedrichshainer davon, uns alle ignorierend, die stinkenden Toiletten einer kurzen Nacht, die fleckigen Bahnsteige des Hauptbahnhofs, die schon morgens besoffenen Arbeitslosen, die mit der leeren Flasche in der Hand auf ihr nächstes spendiertes Bier warten, den nach Mülltonne riechenden alten Autisten in der Tram, der es mühelos Angst einjagend schafft, ein ganzes Abteil von Fahrgästen freizuhalten, nimmt sicher keine Notiz von den Albanern, die die Hinterhöfe beherrschen, dem kürzlich besetzten Haus, den ungepflegten Nutten an der Langstraße, den Dealern an der Limmat, den Nazis auf den Dörfern, die andersfarbige Kinder malträtieren, den unwirschen Kassiererinnen in den Discountern.
Welcome to Switzerland, Herr Bessermensch!


2x interaktiviert
ein schöner grund für 'die verdammte schweiz'
ich glaube Dt. mögen sie auch deshalb so, weil man in der CH
so schön deutsch sein kann, mit ohne 'nach45'
;)
Hmmmh.. ;-)
Auf Hiddensee ist "man" bis heute auch "schön deutsch", wie hinlänglich festzustellen war.
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