5.3.07

Alter Zopf

Damit mir der kleine Kater nachts keine Nester und Riesenknoten in die Haare wühlt und zuppelt, bin ich gezwungen, sie zu flechten und zu einem festen Dutt zu wickeln. Möglicherweise liegt es an der derzeitigen Lektüre, vielleicht aber auch am müden Eulenaussehen dieser Tage, dass mir dabei öfter die ältere Schwester meines Großvaters einfällt, eine betagte, schlaue, kauzige Jungfer, die das Elternhaus meines Vaters allein durch ihre Anwesenheit dominierte, droben, in ihrer rauchigen Küche mit dem roten Sinkesofa, den alten dunklen Möbeln, dem Rotwein auf dem Tisch, schon frühmorgens, mit Zigarillos und starkem schwarzen Zuckerkaffee, wie sie ihn aus Kolonnialwarenzeiten gewöhnt war. Essen sah ich sie nie. Dafür nachts in ihrem langen, spitzenversehenen Batistnachthemd und dem noch längeren Zopf, der sich in winzigem Gefiesel auflöste über dem ausladenden Po, über den Flur schleichen, kontrollierend, dem Kachelofen in ihrem Schlafzimmer Nachschub verschaffend, oder sich, in Rauchwarenform und Büchern, bei Missfallen leise durchdringend hüstelnd. Sie war damals schon weit über neunzig Jahre alt und ich noch keine zehn.
Die Großmutter hatte uns verboten, das seltsame Stockwerk außer im Notfall, weil wir stellvertretend mit irgendwelchen Anliegen geschickt wurden, zu betreten. Trotzdem fanden wir immer einen Grund, uns in ihre Küche zu stehlen, der unvorbildhaften Großtante, ihren Geschichten und Ansichten zu lauschen, auch wenn wir nicht viel davon verstanden. Es war rauchig, warm, heimelig dort droben, es war schrullig. Und niemand, auch nicht meine Mutter, wagte es, Emilie die schier unendlichen Haare zu kürzen, die sie tagsüber an den Hinterkopf gesteckt verbarg.
Damals wollte ich auch so sein wie sie, mich über alle unsinnigen Verbote hinwegsetzen, wollte nie wieder eine Schere an meinem Kopf spüren, wollte mir die Hexen selber ausbürsten dürfen, eine alte Jungfer werden mit Qualm, Rotwein, Büchern, Haarurwäldern und einer flinken Zunge, wollte eine gemütliche Küche, in der das Leben noch im Alter brummen würde, in die sich die Kinder flüchteten, wenn die Familienstrenge unerträglich unerklärlich wäre.
Viele Jahre später hatte ich eine solche Küche und fast den ganzen Rest, die Großtante war, bald hundertjährig, längst friedlich eingeschlafen und hing gerahmt über der Eckbank, ihr Kachelofen wärmte knisternd die Stube und erzählte Geschichten. Unsere Mutter hatte längst keine Entscheidungshoheit mehr über meine Haare und so wachsen sie bis heute, hin und wieder eingekürzt, weil der Po solche Nachtbedeckung noch nicht braucht.
Emilie ist, wie ihre Geschwister und Ahnen, mitsamt einem Teil ihrer nie gebrauchten Aussteuer, mit nach Berlin gezogen und hängt, wie sie schon so viele Jahre hängt. Dominierend. Auch hier gibt es wieder eine Küche mit Rauch, Rotwein und vielen Erzählstunden, existieren keine Verbote sondern klare, immer gleiche Regeln. Einzig rote Sinkesofas, Batistnachthemden und Zuckerkrämerkaffee finden sich hier bis heute nicht.
Haustiere waren damals übrigens verboten.
Zu viele Bücher auch - für Frauen, Jungfern und Mädchen.

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Blogger Unknown

los! sinkesofa! sofort!
aber langsam komm ich ja in das alter, wo ich von keinem wie auch immer geartetem sofa mehr hochkomme...da ist auch ein holzstuhl ein sinkesofa.

na hauptsache keine stuhl im orbit.
haltet den orbit sauber!

immerhin hast du solche geschichten. mit solchen vorfahren.

meine rühmlichsten sind nach lüneburch ausgewanderte brave christenmenschen und metzger. also christenmetzger. kinda...

else...? man munkelt vaterseits von vielen geistig noch weniger als er voluminierten bauern. die ihre eigenen erbärmlichen güter niederbrannten. soffen. und eben einfach nur so vegetierten, und meist weit vor 70 starben. oder im kriech 'verschollen' (is klar...freiwilig würd ich auch nich nach zschocken zurück) kein bauer vertraut ärzten. und auf dem lande gabs bis in die 60er keine krankenwagen. die ehebauernweiber waren alle sehr apfelbäckig. dicklich. und versprühten hospitalischen frohsinn. so sie überhaupt sprachen. das war nicht direkt eine präferenz bei der ehepartnerinnenwahl...das die frauen sprechen konnten. solang sie gut molk und hühner fütterte (nene, kein subtext, war ja krieg, und die ein zwei kinder wurden im vorbeigehen in der hochzeitsnacht zurechtgeschustert - das mit dem sexuellen leistungsquotionen bei partnerbindungen ist ja auch eher neu...)

gut...meine omma...die hatte nen vater der hatte nen splitter im kopf...das is doch mal was. dem ausm knie (angeblich, war aber gelogen) hab ich noch. der splitter war aus norwegen. die omma musste dann den vatter auch pflegen. wegen dem splitter. und die grosse schwester, der später christenmetzger bei lüneburch wurde, ging kohlenklauen, oder so.

die russen warn lieb. im sinne von: haben nicht vergewaltigt. jedenfalls nicht über gebühr. aber die russen hatten keinen kaugummie. wie die amis. aber die russen blieben dann ja. war doof. wegen dem kaugummie. fand omma.
der vatter hat wohl das kriegsende wenn überhaupt nur kurz überlebt.

einen urgrossvater hatte ich auch. also nich wirklich. der ist paar tage vor meiner geburt gestorben. da weiss man nix...aber wenn ich mir die urgrossmutter angucke, war da nich viel zu erwarten - vom rudi. n nazi halt. wie alle.

die urgrossmutter hatte allerdings einen entscheidenden vorteil. ich konnte mir ihren geburtstag merken. der war zwei tage nach meinem. deswegen. (und omma am selben wie sharon stone)

und statt den haaren - einfach mal den kater zum festen dutt flechten
;)

05 März, 2007 22:28  
Blogger Unknown

achso....ein bisschen was für die bildung....

Zschocken ist flächenmäßig das größte Bauerndorf des Erzgebirges. Es ist, wie auch die Dörfer Beutha, Thierfeld und die meisten Waldhufendörfer der ehemaligen Grafschaft Hartenstein, mit der Besiedlung des Erzgebirges zwischen 1151 und 1170 gegründet worden. Urkundlich wird es erstmalig 1219 genannt.

hier lernte ich reiten und skilanglaufen...und ein bisschen radfahren. alles sehr sehr schlecht. ausserdem hab ich zuviel farbe eingeatmet als vattern odltimer umlackierte. das durfte er im eigentlichen EDschen heimatdorfe nicht - und ich war begeistert von der noch ursprünglicheren rückständigkeit des väterlichen heimatdorfes. fliessend wasser war hier die krönung des modern life. und bauernkatzen sind immer so scheu dass sie sich niemals anfassen lassen und unkontrolliert vermehren und deswegen dauernd katzen in heusäcken ersäuft oder an die hausmauern zu brei geschlagen wurden.

tjaja...so war das damals...in den späten 80ern...

05 März, 2007 22:35  
Blogger Mo

Herkunft, Familie, Geburtsdatum und Kommentatoren kann man sich nicht aussuchen. ;-)

Der Kater übrigens ist nicht wickelbar. Er wickelt sich höchstens selber - um seine Plüschgefährten, um Dich. Meistens beißt er dabei.

06 März, 2007 14:15  
Blogger Unknown

wie sich das gehört für ne richtige katze....
ich würd den schon fangen und wickeln...

schön ist auch wilde katzen in kinderdecken mit hässchenmotiv (mit sowas als königsmantel um die schultern lauf ich im winter immer rum) zu wickeln und ihnen zuzugucken wie sie sich rauszuwinden versuchen.

dabei lacht man sie aus und geniesst es wie putzig sie dabei aussehen.

;P

06 März, 2007 15:33  
Anonymous Anonym

Er wickelt sich auch in Teppiche, Kissen, Decken, Vorhänge, warme Wäsche aus dem Trockner undundund.
Hilfe braucht er nur in seinen Kuschelminuten. Vorzugsweise dann, wenn er gewaltig stört.

06 März, 2007 15:39  
Anonymous Anonym

...endlich wieder die zeit gefunden, ausführlich bei dir zu lesen. die geschichte gefällt mir sehr gut und mir ist, als wäre ich dabei gewesen.

ganz herzliche grüße an dich :-)

20 März, 2007 17:58  
Anonymous Anonym

Herzlich(t)es retour!

Sphinxe bei Dir regelmßig rein - meist schweigend.

20 März, 2007 18:34  

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